Nationalpark-Philosophie

Nach langem Ringen wurde der Nationalpark Gesäuse im Jahr 2002 das jüngste Mitglied der österreichischen Nationalpark-Familie – und ein weltweit anerkanntes Schutzgebiet der höchsten Kategorie„Die Schaffung von besonderen Naturschutzgebieten ist schon deshalb berechtigt und notwendig, weil sonst ein vollständiger Naturschutz im allgemeinen heute ganz unmöglich und mit dem Fortschritte der Kultur nicht vereinbar wäre. Es müssen also wenigstens einzelne größere und dazu geeignete Gebiete zu dem oben genannten Zwecke reserviert werden.

Bekanntlich sind in der Schaffung solcher „Reservationen“ die Vereinigten Staaten von Nordamerika in großem Stile vorangegangen, wo bereits mehrere solche Schutzgebiete, zum Teile in der Ausdehnung eines kleineren deutschen Königreichs oder eines österreichischen Kronlandes, bestehen, worunter der bereits genannte Yellowstone-Park und das Yosemite-Tal die bekanntesten sind.“

Dr. A. v. Guttenberg, 1913

Eine Erfolgsgeschichte für den Naturschutz

Der 1872 gegründete Yellowstone-Nationalpark steht am Anfang einer bis heute weltumspannenden IdeeAls Guttenberg vor rund hundert Jahren diese Zeilen anlässlich der aufflammenden Diskussion um die Errichtung von Nationalparks nach amerikanischen Vorbild auf dem Gebiet der damaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie schrieb, konnte er nicht ahnen, wie prophetisch seine Schrift war. Und es dauerte auch annähernd weitere siebzig Jahre, bis der erste Nationalpark Österreichs, der Kärntner Anteil des Nationalparks Hohe Tauern, das „Licht der Welt“ erblickte.

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Bereits um 1872 wurde im amerikanischen Kongress mit dem so genannten "Yellowstone Act" der weltweit erste Nationalpark aus der Taufe gehoben. Zu einer Zeit, in der die Naturlandschaft des amerikanischen Westens unvorstellbar groß erschien und in vielen Gegenden unter widrigsten Bedingungen die Kolonisierung erst vorangetrieben wurde, wiegt jener Schritt, der als "Nutzungsverzicht eines Kulturstaates zugunsten der Natur" verstanden werden könnte, doppelt. Erstmals wurde der Natur das Recht eingeräumt, allein um ihres Seins wegen und "zur Erbauung, Freude und Bildung kommender Generationen" in ihrer Unversehrtheit bestehen zu bleiben.

Heutzutage stellen Nationalparke unberührte oder naturnahe Landschaften dar, die in ein weltumspannendes Netzwerk einzigartiger Lebensräume eingebunden sind und der höchsten Schutzkategorie unterliegen. Ihre Ursprünglichkeit bietet nicht nur Ausgleich zur Unruhe gegenwärtiger Alltagswelten. Sie aktiv zu erleben bedeutet, natürliche Abläufe mit allen Sinnen zu erfahren, Unbekanntes spielerisch zu lernen und manch vergessen Geglaubtes wieder zu entdecken.

Aufgaben eines Nationalparks

Das bewusste Zulassen von Wildnis bedeutet in Wahrheit einen enormen kulturellen Fortschritt der MenschheitsgeschichteWichtigste Aufgabe der Nationalparke weltweit – und somit auch des Nationalparks Gesäuse - ist der Schutz und die Erhaltung einzigartiger Naturlandschaften sowie die Erhaltung dynamischer Prozesse mit ihrer landschaftsspezifischen Artenvielfalt. Der Schutz der natürlichen Eigendynamik in Nationalparken ermöglicht uns ein Erleben naturnaher Landschaften in ihrer ungestörten Entwicklung hin zur Wildnis. Wildnis zulassen bedeutet, den Eigenwert der Natur anerkennen und den Schutz der Natur aufgrund ihres eigenen Wertes in den Mittelpunkt zu stellen! Die Möglichkeit zur uneingeschränkten Entwicklung auf bestimmten Flächen billigt ihr dieses Eigenrecht auf Existenz zu, verlangt von uns aber auch die Abkehr von einer Einordnung in „gut“ und „böse“ oder „schädlich“ und „nützlich“! Nirgendwo sonst tritt dies so deutlich zutage wie beispielsweise in den zukünftigen Wäldern des Nationalparks Gesäuse. Denn gerade hier stellt das Ermöglichen natürlicher Abläufe keinen Rückschritt, sondern vielmehr einen gewaltigen – „kulturellen“ – Fortschritt dar!

Die Zukunft

Weit reicht der Blick von den Gipfeln des Gesäuses – rundum ein Gebiet, in dem die Natur für alle Zukunft zumeist ihren eigenen Gesetzen folgen darfDas Zulassen von Wildnis und unbeeinflusster Natur und das bewusste Hintanstellen von menschlichen Bedürfnissen und Nutzungsansprüchen zugunsten natürlicher Abläufe und Prozesse wird von künftigen Generationen als eine der größten kulturellen Leistungen des 21. Jahrhunderts verstanden werden. Keine menschlichen Eingriffe zulassen bedeutet aber auch, einen Naturschutz zu akzeptieren, der nicht auf das Konservieren eines gefälligen Ist-Zustandes ausgerichtet ist, sondern dynamische – eben ungeplante –Prozesse zulässt! Jedes Unwetter, jede Lawine oder Sturmböe vermag somit eine neue Entwicklung einzuleiten … Natur zählt zu den elementaren Grundbedürfnissen des Menschen und doch hat sich unser natürliches Umfeld im Verlauf der letzten 50 Jahre tief greifend verändert. Uns Menschen und vor allem unseren Kindern jedoch auch in Zukunft ausreichende Naturerfahrungs Möglichkeiten zu geben, ist eine der zentralen Aufgaben der Schutzgebiete weltweit ...

Oder – um es mit den Worten von Aldo Leopold auszudrücken:

„Ein Land darf sich erst dann wirklich als kultiviert oder zivilisiert bezeichnen, wenn es seiner Wildnis genug Bedeutung schenkt!“

IUCN-Kriterien

Die Urkunde der IUCN als Bestätigung der weltweiten Anerkennung als Kategorie II SchutzgebietEines der vordringlichsten Ziele eines Nationalparks ist die Erfüllung der Bestimmungen der Weltnaturschutzunion IUCN, jener Organisation, die für die internationale Anerkennung von Nationalparks zuständig ist.

Bereits im Zuge der Entstehung des Nationalparks Gesäuse wurde zu jener Organisation ein reger Kontakt gepflegt. Anfang Mai 2002 war eine IUCN - Delegation im Gesäuse und versprach dem Nationalpark beste Chancen auf eine rasche Anerkennung als Schutzgebiet der Kategorie II. Seit dem 5. Dezember 2003 ist der Nationalpark Gesäuse offiziell in die Liste der international anerkannten Schutzgebiete der Kategorie II aufgenommen.

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IUCN – höchster Einsatz für den weltweiten Naturschutz

IUCN-LogoDie International Union for Conservation of Nature and Natural Resources („internationale Union für die Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen“, Abk. IUCN) ist eine internationale Nichtregierungsorganisation. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die menschlichen Gesellschaften für den Natur- und Artenschutz zu sensibilisieren und so zu beeinflussen, dass eine nachhaltige und schonende Nutzung der Ressourcen sichergestellt ist.

Die IUCN erstellt unter anderem die Rote Liste gefährdeter Arten und kategorisiert Schutzgebiete mittels der World Commission on Protected Areas („Weltkommission für geschützte Gebiete“).

Nationalparks, wie etwa der Yosemite National Park in  Kalifornien, ziehen jährlich dutzende Millionen Menschen in ihren BannDie strengen Nationalpark-Kriterien der IUCN legen einen völligen Verzicht auf wirtschaftliche Nutzungen im Kernbereich fest und akzeptieren Pflegemaßnahmen nur im Rahmen initieller Renaturierung, beziehungsweise als traditionelle Bewirtschaftungsweisen auf den so genannten Bewahrungs-Flächen, wie etwa den Almen und Wiesen.

Heute gibt es weltweit rund  2500 anerkannte Nationalparke, darunter auch den Sargamatha-Nationalpark mit dem höchsten Berg der Welt, dem Mount Everest (8.846m).

Zur Bestimmung weltweit gültiger Regeln und zur Vermeidung von "Etikettenschwindel" haben daher die Vereinten Nationen in Zusammenarbeit mit der IUCN eine Definition festgesetzt, die als Orientierung und Maßstab für die Einrichtung und Bewertung von Nationalparken dienen soll. Sie findet sich in einer Liste von 6 verschiedenen Managementkategorien für Schutzgebiete, unter denen die Kategorie II mit dem Namen "Nationalpark" bezeichnet wird.

Schutzgebiets-Kategorien der IUCN

Die IUCN verwendet ein 1978 eingeführtes und 1994 überarbeitetes System, in das alle Schutzgebiete der Erde kategorisierbar sind:

Kategorie Ia / Ib: Strenges Naturreservat / Wildnisgebiet

Schutzgebiete, die hauptsächlich für Zwecke der Forschung oder zum Schutz großer, unbeeinflusster Wildnisareale verwaltet werden

Kategorie II: Nationalpark

Schutzgebiet, das hauptsächlich zum Schutz von Ökosystemen und zu Erholungszwecken verwaltet wird

Kategorie III: Naturdenkmal

Schutzgebiet, das hauptsächlich zum Schutz einer besonderen Naturerscheinung verwaltet wird

Kategorie IV: Biotop / Artenschutzgebiet mit Management

Schutzgebiet, für dessen Management gezielte Eingriffe erfolgen

Kategorie V: Geschützte Landschaft / Geschütztes Marines Gebiet

Gebiet, dessen Management hauptsächlich auf den Schutz einer Landschaft oder eines marinen Gebietes ausgerichtet ist und der Erholung dient

Kategorie VI: Ressourcenschutzgebiet mit Management

Schutzgebiet, dessen Management der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ökosysteme dient

Das System findet bei der Erstellung der UN List of Protected Areas durch das UNEP World Conservation Monitoring Centre Anwendung.

Auswahlkriterien für Nationalparke sind unter anderem:

Das Gebiet muss ein charakteristisches Beispiel für Naturregionen, Naturerscheinungen oder Landschaften von herausragender Schönheit enthalten, in denen Pflanzen- und Tierarten, Lebensräume und geomorphologische Erscheinungen vorkommen, die in geistig-seelischer Hinsicht sowie für Wissenschaft, Bildung, Erholung und Tourismus von besonderer Bedeutung sind.

Das Gebiet muss groß genug sein, um ein oder mehrere vollständige Ökosysteme zu erfassen, die durch die laufende Inanspruchnahme oder menschliche Nutzung nicht wesentlich verändert wurden.

Weiterführende Informationen finden sich unter: www.iucn.org